Vorweg, wenn man diesen Film gesehen hat, lernt man mindestens drei Dinge:
1) Duisburg ist mal richtig hässlich! (ich selbst war noch nicht da, bin aber auch nicht sonderlich überrascht)
2) Wenn man aus Duisburg weg will, ist Hannover unter den Top 3 Auswanderzielen (neben den USA und Moskau…)
3) Ergo: Hannover ist schöner als Duisburg
Soviel zum Setting…
Wie man daraus schon schließen kann, gab es diesmal eine deutsche Produktion in der Sneak. „Heiko riskiert mal wieder was!“ könnte der erfahrene Sneak-Gänger jetzt sagen, denn obwohl die Statistik dagegen spricht, macht sich doch immer eine allgemeine Angst breit, sobald es ersichtlich wird, dass es einen deutschen Film gibt. Und einmal wieder hat sich diese Angst als ungerechtfertigt erwiesen, denn am schlimmsten an „Renn, wenn du kannst“ ist tatsächlich die Hochhaus-Wohnblock-Kulisse. Der Film selbst ist eine angenehme Mischung aus Dreieckskomödie und Behindertendrama. Klingt im ersten Moment schwierig, ist den Machen aber erstaunlich gut gelungen.
Worum geht es?
Ben sitzt seit sieben Jahren im Rollstuhl. Sein Lebensinhalt besteht darin, Verlängerungen für seine Magisterarbeit in Komparatistik zu beantragen, seine Zivis (und manchmal auch seine Mutter) zu terrorisieren und einem unbekannten Mädchen jeden Tag beim Vorbeifahren von seinem Balkon in einer Duisburger Hochhaussiedlung zuzuschauen. Er schließt sich selbst mit Absicht von der Gesellschaft aus, denn er denkt, dass er sowieso keine Berechtigung mehr hat an einer Teilhabe. Für ihn sind Behinderte Menschen zweiter Klasse, und weil er selbst nichts mit ihnen zutun haben will, will er sich auch keinem anderen zumuten. Doch dann treten innerhalb kürzester Zeit erst Christian (als neuer Zivi) und die Cello-Studentin Annika in sein Leben. Letzte ist das Mädchen von der Straße, das Ben schon so lange heimlich beobachtet hat. Nun entwickelt sich zwischen den drei Akteuren eine Freundschaft die schnell in eine Romanze zu kippen droht. Ben lässt Christina den Vortritt, da er denkt, ein Behinderter könne keine Beziehung mit einer Nicht-Behinderten führen. Annika hat allerdings ganz Probleme: Sie würde gerne das erste Cello spielen, hat aber Lampenfieber, ist deprimiert deswegen und wirft auch gerne mal mit Büsten um sich, deren wahre Identität sie nicht kennt. Und sie interessiert sich mehr für Ben als für Christian, der im Laufe der Handlung immer mehr zur Nebenfigur gerät, spätestens wenn er nach einem Treppensturz im Krankenhaus liegt, während Ben und Annika sich näher kommen. In jedem guten amerikanischen Drama würde der Held nun mit seiner Geliebten in den Sonnenuntergang reiten (oder in diesem Fall fahren), aber wir sind hier (zum Glück!!!) nicht in Amerika, sondern ich Duisburg (hab ich grad „zum Glück“ geschrieben?) Naja, jedenfalls tickt das deutsche Kino hier ganz anders und lässt den Zuschauer und seine Protagonisten nicht die schwierige Realität der Lage aus den Augen verlieren. Und Annika hat wieder ein Problem. Diesmal mit Bens Impotenz und seiner zynisch-lakonischen Art damit umzugehen. Vielleicht ist ja, so könnte man vermuten, nicht seine Behinderung, die für ihn eine Beziehung unmöglich macht, sondern seine als Schutzmechanismus gewachsene Art und Weise… denn wie sich herausstellt sieht er sich als unwürdig, denn seine Querschnittslähmung resultiert aus einem selbstverschuldeten Unfalls, der ihn zwar nur die Fähigkeit zu gehen, seine Freundin aber ihr Leben gekostet hat.
Im „Show-Down“ kehrt Ben nun an den Unfallort, einen zugefrorenen See, zurück um sich das Leben zu nehmen. Bewusstlos sieht er sich schon an der Himmelspforte, wird aber nicht hineingelassen. Im Gegensatz zu seinem Alptraum, in dem er zwar auch nicht in den Himmel gelassen wird, stattdessen aber in die Hölle, muss er nun ins Leben zurück…und nutzt diese Gelegenheit auch. Am Ende trennen sich also die Wege der drei. Sie werden, wie sie es nennen, in alle Winde zerstreut um ein neues Leben anzufangen und alle Probleme, und Duisburg, hinter sich zu lassen, denn die größte Behinderung, so lernt Ben, ist nicht die Körperliche, sonder das Hindernis, das er sich selbst im Kopf geschaffen hat!
„Renn, wenn du kannst“ schafft das, was viele Filme mit dieser komplexen Thematik, dem Leben mit Behinderungen (Ben), dem Übergang zum Erwachsenwerden (Christian) und der Selbstfindung (Annika), nicht schaffen. Weder wird der moralische Zeigefinger erhoben und der Gegenbeweis zu Bens Anti-Behinderteneinstellung erbracht, noch wird Annika die Chance gegeben trotz allem in Duisburg weiterzustudieren. Beide müssen schauen, dass sie ihr Leben selbst wieder auf die Reihe kriegen. Im Laufe des Films entwickeln sie sich von verzweifelt/melancholisch/zynisch zu Mensch mit wenigstens ein bisschen Perspektive und der Zuschauer ist dem Filmemache so unendlich dankbar, dass es kein Liebes-Happy End gibt!
Dieser Film ist, obwohl es zwischendurch nicht so scheint, ein Plädoyer für das Leben, die Freundschaft und den Mut seine Träume zu verwirklichen! Eine schöne Metapher hierfür findet sich am Ende, wenn alle drei das triste Duisburg gegen eine besser Zukunft eintauschen, auf den Landstraßen der USA, an einer Moskauer Musikhochschule oder in Hannover
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P.S. Besonders gut gefällt mir der Moment als Zivi und Rollstuhlfahrer fasst die Rollen tauschen und Christian halb kaputt im Krankenhaus liegt, während Ben die Räder in die Hand nimmt um seinem Herzen zu folgen!
